Rückmeldung der AG Jugendarbeit nach § 78 in Erfurt zum Fortschreibungsprozess des Kinder- und Jugendförderplans (KJFP)
[15. April 2021]

Bestandsdarstellung der AG Jugendarbeit nach §78 in Erfurt

Unsere AG tagt viermal jährlich und wird vom AG-Sprecher, dem Jugendamt und dem Stadtjugendring gemeinsam vorbereitet. Da knapp die Hälfte der anerkannten freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe in Erfurt und das Jugendamt Erfurt im Stadtjugendring Mitglied sind und sich an seinen Arbeitskreisen beteiligen, findet eine ganzjährige Vernetzung und Beratung der freien und öffentlichen Träger statt, die weit über die Sitzungen der AG hinausgeht. Die AG-Sitzungen dienen somit primär dem vertiefenden Austausch über fachpolitische Herausforderungen und selbstgewählte Schwerpunktthemen der Träger. Hierfür fehlt es an Honorarmitteln, um jugendpolitische Expert:innen bei Bedarf einzuladen.

Breite und vielfältige Landschaft der Kinder- und Jugendarbeit in Erfurt

Die Kinder- und Jugendarbeit in Erfurt besteht aus einer Vielzahl von Trägern der freien und öffentlichen Jugendhilfe mit unterschiedlichen Zielgruppen, Werten, Themenschwerpunkten und Angebotsformaten. Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass Kinder und Jugendliche sehr verschieden sind und unterschiedlichste Bedarfe haben, und leistet einen wichtigen Beitrag zu einer pluralistischen Gesellschaft. Die AG Jugendarbeit nach §78 schätzt deswegen die Trägervielfalt in Erfurt und sieht deren Bewahrung und Weiterentwicklung auch in den kommenden Jahren als wichtige Aufgabe.

Zielgruppe: Junge Menschen bis 27 Jahre

Die über den KJFP geförderten Maßnahmen der Kinder- und Jugendarbeit in Erfurt erreichen täglich etwa 1.297 junge Menschen bis 27 Jahre.[1] Bei etwa 30.000 jungen Menschen in Erfurt bedeutet das, dass wir täglich etwa 4,3% der jungen Menschen in Erfurt erreichen. Die Angebote der öffentlichen und freien Träger sind über die gesamte Stadt Erfurt verstreut und erreichen zusammen unterschiedlichste Zielgruppen (viele Altersgruppen, Schüler:innen verschiedener Schulformen, alle Geschlechter, junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, etc.).

Wir möchten mehr junge Menschen erreichen, dies muss aber mit einer Steigerung der Förderung von Personal- und Sachkosten einhergehen. Ein Jugendhaus kann nicht immer mehr Besucher:innen aufnehmen – irgendwann ist der Raum voll und die pädagogische Arbeit leidet. Jugendverbandsreferent:innen können nicht einfach dreimal so viele Projekte von Ehrenamtlichen unterstützen und Streetworker können Beratungsgespräche nicht plötzlich in doppelter Geschwindigkeit absolvieren.

Gesonderte Bedarfe von Zielgruppen

Trotz dessen die Angebote der Kinder- und Jugendarbeit in Erfurt im Großen und Ganzen eine breite und vielfältige Zahl an jungen Menschen erreicht, stellen wir folgende gesonderten Bedarfe fest[2]:

  • Maßnahmen zur Inklusion junger Menschen mit Behinderung in die Kinder- und Jugendarbeit
  • Maßnahmen zur Förderung von (post)migrantischen Selbstorganisationen im Bereich Kinder- und Jugendarbeit (zum Beispiel (post)migrantische Jugendverbände oder Ähnliches)
  • Beratungs-, Bildungs- und Freizeitangebote für queere Jugendliche in Erfurt
  • Jugendliche mit multiplen Problemlagen sind besonders schwer zu erreichen und fallen schnell hinten runter

Intensivierung der Bedarfe junger Menschen unter Covid-19

Covid-19 und die Nachfolgen der Pandemie bedeuten eine Intensivierung der Kinder- und Jugendarbeit. Besonders Kinder aus finanziell belasteten Familien leiden unter der Isolation und haben verschärft mit emotionalen Problemen wie Niedergeschlagenheit, Sorgen oder Hyperaktivität zu kämpfen.[3] Digitale Ersatzangebote sind häufig nicht barrierearm – auch können nicht alle Lebensbereiche junger Menschen gleichermaßen digitalisiert werden. [4] Die Mehrheit junger Menschen schaut mit sorgenvollem Blick in die persönliche Zukunft.[5] Unsere Erfahrung der letzten Monate ist, dass Home Schooling vor allem für benachteiligte Kinder und Jugendliche schlecht bis gar nicht funktioniert hat. Auch wenn die Pandemie bald bewältigt wird, sind Langzeitfolgen und eine Verschärfung sozialer Ungleichheiten unter jungen Menschen zu befürchten.

Die Antwort auf Covid-19: Nicht weniger, sondern mehr Kinder- und Jugendarbeit

Besonders junge Menschen werden die sozialen Folgen der Corona-Pandemie bewältigen müssen und dabei insbesondere benachteiligte junge Menschen. Diesen Herausforderungen muss sich die Kinder- und Jugendarbeit in den nächsten Jahren stellen. Die Antwort auf die Covid-19-Pandemie kann deswegen nicht weniger, sondern mehr Kinder- und Jugendarbeit sein – trotz knapper Haushaltslage: „Die Erfüllung der Aufgaben der Jugendhilfe steht nicht etwa unter dem Vorbehalt des Haushaltsplans, sondern umgekehrt, steht der Haushaltsplan unter dem Vorbehalt des § 79 Abs. 2“.[6]

Fachpolitische Herausforderungen

Planungssicherheit

Planungssicherheit der freien Träger ist weiterhin eine fachpolitische Herausforderung. Ein Element, was die Planungssicherheit der Träger noch verbessern würde, ist die Verlängerung des Förderzeitraums etwa auf zwei Jahre oder die Dauer des KJFP. Den Trägern würde so mehr Handlungsspielraum, eine langfristigere Planung von Ausgaben und eine langfristigere Bindung der Fachkräfte an die Träger ermöglicht. 

Ein weiteres wichtiges Element der Planungssicherheit ist die Regelförderung – das hat sich auch während der Covid-19-Pandemie wieder bestätigt. Träger brauchen Sicherheit und einen bestimmten Freiraum bei der Planung ihrer Angebote, um spontan etwa auf Bedürfnisse neuer Nutzer:innengruppen oder gesellschaftliche Veränderungen reagieren zu können. Freiräume in der Gestaltung bedeutet auch: Experimentieren, Scheitern, aus Fehlern lernen. Projektförderung für zeitlich begrenzte Einzelmaßnahmen bedeutet immer eine Gefährdung nachhaltiger und langfristiger Strukturen der Kinder- und Jugendarbeit und kann höchstens ergänzend wirken.

Partizipation von Kindern und Jugendlichen

Durch die Beteiligungsstruktur BÄMM! und die vielfältigen Kooperationen mit Trägern der Kinder- und Jugendarbeit gibt es seit 2017 viele positive Entwicklungen bei der Kinder- und Jugendbeteiligung an kommunalen Prozessen. Eine Herausforderung bleibt die Etablierung eines Jugendchecks in Drucksachen der Stadtverwaltung Erfurt. Die Beteiligungsstruktur BÄMM! ist aufgrund ihrer zugedachten Aufgabenfülle seit ihrer Entstehung belastungsmäßig an ihren Grenzen. Partizipation sollte als fachpolitische Herausforderung im KJFP bestehen bleiben und die Beteiligungsstruktur BÄMM! weiterentwickelt und Raum zur Erfüllung der bisherigen Aufgaben gegeben werden.

Partizipation ist Querschnittsaufgabe der Kinder- und Jugendarbeit. Der 16. Kinder- und Jugendbericht des Bundes erklärt die Orientierung junger Menschen an demokratischen Werten und die Entwicklung kritischer Urteilskraft zum vornehmsten Ziel politischer Bildung. Jugendverbände sind klassische ‚Werkstätten der Demokratie‘. Durch Selbstorganisation und die gemeinsame Gestaltung von Freizeit, Bildung und Politik machen junge Menschen Selbstwirksamkeitserfahrungen und lernen, Bedürfnisse und Interessen demokratisch auszuhandeln. Auch die Offene Kinder- und Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit nutzt vielfältige Beteiligungsformate – im Alltag oder in Kooperation mit BÄMM!.

Digitalisierung und Mediatisierung

Die Digitalisierung und Mediatisierung der Lebenswelt junger Menschen ist eine Querschnittsaufgabe und fachpolitische Herausforderung, die nicht nur pandemiebedingt an Relevanz gewonnen hat. Digitalisierung schreitet in allen Lebensbereichen voran. Der Zugang zu und der aktive und sichere Umgang mit digitalen Medien ist für Kinder und Jugendliche essentiell. Persönlichkeitsentwicklung bedeutet heute die Entwicklung hin zu einem gelingenden Leben mit digitalen Medien.

Die Kinder- und Jugendarbeit sollte sich die Medienaffinität junger Menschen zunutze machen, um Kommunikations-, Partizipations- und kreative Prozesse zu gestalten und geschützte Reflexionsräume für sicheres und verantwortungsvolles Medienhandeln bieten („Netiquette“). Sie sollte eine chancengleiche Teilhabe befördern und sich in anwaltlicher Funktion für ihre Zielgruppen in den politischen Diskurs über Medienentwicklung und Datenschutz einmischen.

Hierfür braucht es einen Qualitätsentwicklungsprozess unter Einbeziehung der Verwaltung, der Standards für die Kinder- und Jugendarbeit formuliert und es Trägern ermöglicht, eigene Konzepte an diese Herausforderungen anzupassen und das Fachpersonal gezielt zu schulen. Spezifische Angebote und Strukturen für die Nutzer:innengruppen sollten diesen Prozess begleiten.

Junge Menschen im Öffentlichen Raum

Der Bedarf nach unverzweckten Freiräumen für junge Menschen im öffentlichen Raum (jugendfreundliche Plätze und Parks, freie Spielflächen, Raum für Veranstaltungen und Spontanpartys, usw.) hat sich unter der Pandemie noch einmal verschärft. Die Bedarfe unterscheiden sich dabei stark nach Altersgruppe. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene haben es nicht immer leicht. Sie werden schnell als „Störfaktor“ wahrgenommen, wenn sie etwa in Gruppen Musik hören, im Park Bier trinken oder gemeinsam rumhängen.

Fest steht – junge Menschen verschwinden auch dann nicht aus dem öffentlichen Raum, wenn sie unerwünscht sind, sondern weichen auf andere Orte aus (zum Beispiel Schulhöfe oder Privatgrundstücke). Auch Herausforderungen und Probleme verschwinden nicht, sondern verlagern sich. Träger der Kinder- und Jugendarbeit sollten sich in anwaltlicher Funktion für die Bedarfe junger Menschen im öffentlichen Raum stark machen, dafür braucht es einen gemeinsamen Verständigungsprozess. Dabei geht es auch um Themen wie Jugendschutz, Barrierefreiheit oder Rassismuserfahrungen junger Menschen im öffentlichen Raum. Außerdem müssen junge Menschen bei Prozessen der Stadtentwicklung frühzeitig beteiligt werden. 

Sozialraumorientierte Kinder- und Jugendarbeit

Sozialraumorientierte Kinder- und Jugendarbeit versteht Sozialräume als subjektive Aneignungs- und Bildungsräume, analysiert diese und möchte diesen in anwaltlicher Funktion und/oder gemeinsam mit jungen Menschen aktiv gestalten. Dabei steht die sozialräumliche Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen im Fokus.[7] Hier sind sie die Expert:innen und es gibt einen direkten Alltagsbezug: gute Voraussetzungen für gelingende Selbstwirksamkeits- und Partizipationserfahrungen.

Für sozialraumorientierte Kinder- und Jugendarbeit braucht es Ressourcen – für die Analyse, die Entwicklung und Vernetzung tragfähiger Strukturen und Zugänge. Wir schlagen für den nächsten KJFP vor, a) unter wissenschaftlicher Begleitung Ansätze und Konzepte der Sozialraumorientierung modellhaft in Erfurt zu erproben und b) Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit in die Lage zu versetzen, sozialräumliche Ansätze und Methoden in ihrem Arbeitsalltag zu integrieren und den „sozialräumlichen Blick“ zugunsten ihrer Zielgruppen zu schärfen.

Inklusion

Inklusion sollte als fachpolitische Herausforderung beibehalten werden. Im Bereich Inklusion junger Geflüchteter und junger (post)migrantischer Menschen ist in den letzten Jahren viel passiert, trotzdem berichten einige Träger noch vor Herausforderungen bei der Öffnung ihrer Angebote. Derzeit erstellt eine AG des Jugendamts und des Stadtjugendrings ein Konzept zur Inklusion für die Kinder- und Jugendarbeit in Erfurt. Die Ergebnisse sind im nächsten KJFP aufzunehmen.

Segregation sowie Kinder- und Jugendarmut im Erfurter Norden und Südosten sind anhaltende Herausforderungen. Vor allem hier bedarf es flächendeckende und gut vernetzter Angebote der Kinder- und Jugendarbeit für alle Altersgruppen. Es braucht ein zielgerichtetes Konzept für die Kinder- und Jugendarbeit zur Bekämpfung von Kinder- und Jugendarmut in den Stadtteilen, wo diese über den bundesweiten Durchschnitt liegen. Die Herausforderungen verschärfen sich derzeit unter Covid-19.

Jugendhilfe und Schule

2019 fand ein gemeinsamer Fachtag der Kinder- und Jugendarbeit und Schulen statt um die Zusammenarbeit zu verbessern. Seit 2020 werden Angebote der schulbezogenen Kinder- und Jugendarbeit auf der Website des Stadtjugendring Erfurt veröffentlicht. Trotzdem bleibt noch viel zu tun. Covid-19 hat viele langjährige Kooperationen auf Eis gelegt, diese müssen nach Eindämmung der Pandemie wieder neu aufgebaut werden.  Das Thema Jugendarbeit und Schule sollte auch im nächsten KJFP als fachpolitische Herausforderung beibehalten werden.

Die Entwicklung der Schulsozialarbeit in den letzten Jahren ist sehr positiv und verbessert auch die Anbindung von freien Trägern der Kinder- und Jugendarbeit an Schulen. Eine seit vielen Jahren bestehende Herausforderung ist das Thema Drogenprävention. Es fehlt an kontinuierlichen Bildungsangeboten durch Expert:innen der Suchthilfe an Schulen in Erfurt – dies kann nicht von Schulsozialarbeiter:innen geleistet werden.

Fazit

Insgesamt werten wir die Entwicklung der Kinder- und Jugendarbeitslandschaft in Erfurt in den letzten Jahren als sehr positiv. Neben der Verbesserung der Förderbedingungen in den letzten Jahren liegt dies auch maßgeblich an der produktiven Zusammenarbeit zwischen dem Jugendhilfeausschuss, dem Jugendamt Erfurt und dem Stadtjugendring Erfurt. Die freien Träger der Kinder- und Jugendarbeit haben sich dabei nicht nur unter Covid-19 als zuverlässige (und systemrelevante!) Partner erwiesen. Nun gilt es, mit dem neuen Kinder- und Jugendförderplan die Kinder- und Jugendarbeit in Erfurt auch unter (den Nachfolgen von) Covid-19 entsprechend der Bedarfe junger Menschen qualitativ und quantitativ weiterzuentwickeln. Dafür bietet die derzeitige Kinder- und Jugendarbeitslandschaft die besten Voraussetzungen – braucht aber die entsprechende Förderung.


Klaus Zebe
Sprecher der AG Jugendarbeit nach §78 in Erfurt


[1] Zahl von 2019, Quelle: Jugendamt Erfurt (erfragt vom Stadtjugendring Erfurt am 29.03.2021).

[2] Die Einschätzung beruht auf einer Diskussion und Abfrage unter den Trägern in der Sitzung der AG Jugendarbeit nach §78 vom 04. März 2021 und der Auswertung einer Umfrage des Stadtjugendring Erfurt unter seinen Mitgliedern zum Thema Inklusion von Ende 2019 / Anfang 2020 (unveröffentlicht).

[3] Deutsches Jugendinstitut (2020). Kind sein in Zeiten von Corona: https://www.dji.de/themen/familie/kindsein-in-zeiten-von-corona-studienergebnisse.html

[4] Universität Hildesheim (2020). Juco 1 - Befragungen von jungen Menschen und Eltern während der Corona Pandemie: https://hildok.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/1078.

[5] Universität Hildesheim (2020). Juco 2 - Befragungen von jungen Menschen und Eltern während der Corona Pandemie: https://hildok.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/1166.

[6] Tammen (2019). Frankfurter Kommentar zur Kinder- und Jugendhilfe: S. 939.

[7] Ulrich Deinet (2020): Sozialräumliche Jugendarbeit und Gemeinwesenarbeit: Schwestern, aber keine Zwillinge!: https://www.sozialraum.de/sozialraeumliche-jugendarbeit-und-gemeinwesenarbeit.php.

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